Rede zum Jubiläum am 30.09.2022

1992. Als der KulturFabrik e.V. 1992 gegründet wurde, war ich gerade 20 Jahre alt und habe Abitur gemacht. Gutes braucht seine Zeit! Einer meiner Nebenjobs damals war das Catering in einem Soziokulturellen Zentrum in Gütersloh. Also die Verpflegung der Künstler und Künstlerinnen. Danach folgte der klassische Ausbildungsweg zum Geschäftsführer: Zivildienst auf Norderney, Ausbildung zum Tischler in Bremen, Studium der Innenarchitektur in Hildesheim, Arbeit als Innenarchitekt in Hannover, 3D-Designer, Gebäudemanager, Musikalienhändler. Freiberuflich und/oder angestellt.

1998 kam ich nach Hildesheim und traf hier auf eine lebhafte Musik- und Kulturszene. Als ich 2014 Stefan Könneke kennenlernte habe ich gerade als Filialleiter in einer Hildesheimer Musikalienhandlung gearbeitet. Da ich als Musiker recht gut in der lokalen Musikszene vernetzt war, konnte mich Stefan schnell überzeugen ein Projekt zur Förderung der lokalen Musikszene in Hildesheim fortzuführen. Die Reihe „Homegrown“ hatte damals William Niese viele Jahre unter seiner Obhut. Nun wurde frischer Wind gesucht und ich übernahm das Ruder: Der HEIMATHAVEN war geboren. (Später habe ich diese Musikreihe dann an Krissi König übergeben, die ihrerseits auf neuen Routen in frischen Gewässern navigiert ist.)

Kein ganzes Jahr später, bekam das KUFA-Schiff Schlagseite und ich wurde in die Geschäftsleitung befördert um einen neuen Kurs zu setzen. Mit meiner vielfältigen Berufserfahrung im Rücken, nahm ich diese Herausforderung gerne an. Bei so einem großen Tanker wie der KUFA, braucht es einen Moment, bis man alle Decks erreicht hat und hinter alle Türen geschaut hat. Ich habe hinter allen Türen Menschen entdeckt, die mit Leidenschaft und tiefer Verbundenheit zur KUFA leben und arbeiten. Teil des Schiffs, Teil der Crew – wurde mir als Motto immer vertrauter.

Und es sind weiterhin die Menschen auf den Decks, welche die KUFA mit all ihren Facetten ausmachen. Damit stemmen wir gut 700 Veranstaltungen im Jahr, für 60.000 Gäste und ermöglichen über 1000 Künstlern und Künstlerinnen pro Jahr, ihrer Profession nachzugehen. Und das ist nicht selbstverständlich.

Der KulturFabrik e.V. arbeitet als gemeinnütziger Verein. Unsere Stärke ist es, ermöglichend zu arbeiten. Wir bieten unsere Räume, unser Wissen und unsere Ideen an, damit andere Menschen sich mit ihren Ideen und ihren geplanten Formaten bei uns ausprobieren können. Diese Orte der kulturellen und sozialen Vernetzung sind essentiell für die Entwicklung einer offenen und reflektierenden Gesellschaft.

Die Arbeit dabei ist selten wirtschaftlich lukrativ. Wir bieten niedrigschwellige Angebote und günstige Eintritts- und Getränkepreise um möglichst allen in der Gesellschaft Kultur zu ermöglichen. Ein Soziokulturelles Zentrum wie die KUFA, mit einer 30 jährigen Geschichte für und im Sinne Hildesheims, sollte ein Aushängeschild für diese Stadt sein. Wir haben hier den Glücksfall, mit einer Eigentümerin ein Gebäude kostenfrei nutzen zu dürfen. Frau Löseke könnte dieses Gebäude auch sicherlich für moderne Co-Working Arbeitsplätze oder als Büroetagen vermieten. Sie müssen lange Suchen, bis sie in unserem Land eine Stadt finden, die ein Soziokulturelles Zentrum zu solch günstigen Bedingungen erhält. Und damit meine ich sowohl die Gebäudekosten als auch den geringen Arbeitslohn, mit dem die Besatzung hier seit vielen Jahren den Kan über Wasser hält.

Mindestlohn, steigende Energiekosten, Inflation und ein spürbarer Long-Covid in der Besucheranzahl können nicht durch höhere Eintrittspreise aufgefangen werden. Für unsere Arbeit benötigen wir eine finanzielle Basis, die es uns ermöglicht vergleichbar und wertschätzend Arbeit und Einsatz zu vergüten. Ohne eine Neubewertung unseres städtischen Zuschusses wird unsere Arbeit auf kurze Sicht nicht mehr möglich sein. Der Nebel wird dichter.

30 Jahre Kulturfabrik bedeutet 30 Jahre Kultur für Hildesheim, Kommunikation, Beteiligung, Höhen und Tiefen, Stärken und Schwächen. „Unangepasst seit 1992“ ist auf unseren T-Shirts zu lesen. Unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen tragen diese Shirts auch privat. „Unangepasst“ bedeutet auch, immer wieder neu zu überraschen. Mit ungewohnten Formaten. Sei es eine Mainstreamparty oder ein Underground-Film wie Motoröl-Layla. Die KUFA erfindet sich regelmäßig neu. „Wir können nur anders“.

Dabei arbeiten wir stets professionell und überzeugen mit charmanten Lösungen.

Fertig werden ist 90er“ – Unser Ziel ist der Prozess.

30 Jahre Kulturfabrik sind gelebte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen. Mit Menschen, Meinungen und Möglichkeiten.

Lassen Sie uns auch in Zukunft gemeinsam an einer kulturellen Vielfalt für und mit Hildesheim arbeiten. Diese Stadt ist unser Hafen. Wir segeln immer wieder hinaus in unbekannte Gewässer. Aber wir legen auch gerne immer wieder hier an.

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